PFAS in der Abfallverbrennung: Stand der Technik, Studienlage und regulatorische Unsicherheiten

PFAS sind Chemikalien die ein Grundgerüst aus Kohlenstoffketten besitzen die von Fluoratomen umgeben sind (sogenannte C-F-Ketten; siehe Abbildung mit Molekülstruktur der Perfluoroktansäure). Wenn alle Kohlenstoffatome eines Moleküls (außer die am Ende) vollständig von Fluoratomen umgeben sind werden die Chemikalien als perfluoriert bezeichnet. Wenn auch andere Atome gebunden sind werden die Chemikalien als polyfluoriert bezeichnet. Quelle: https://www.umweltbundesamt.de/faq-0#was-sind-pfas
Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) – oft als „Ewigkeitschemikalien“ bezeichnet – stellen eine der größten aktuellen Herausforderungen im Umwelt- und Abfallmanagement dar. Ihre außergewöhnliche Stabilität macht sie einerseits industriell wertvoll, andererseits aber auch persistent, bioakkumulierbar und potenziell gesundheitsschädlich. PFAS werden in der Industrie häufig eingesetzt, weil sie extrem widerstandsfähig gegenüber Hitze, Chemikalien und Umwelteinflüssen sind. Gleichzeitig besitzen sie eine besondere molekulare Struktur mit einem wasseranziehenden Teil und einer stark fluorierten Kette, die sowohl Wasser als auch Fette abweist – dadurch entstehen einzigartige Eigenschaften wie Schmutzabweisung, Antihaftwirkung und eine hohe Beständigkeit in anspruchsvollen technischen Anwendungen.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage zunehmend an Bedeutung, ob und unter welchen Bedingungen PFAS in Abfallverbrennungsanlagen sicher zerstört werden können.
PFAS in Abfallströmen: Relevanz für die thermische Behandlung
PFAS finden sich in zahlreichen Alltags- und Industrieprodukten. Besonders bekannt sind sie aus Antihaftbeschichtungen von Pfannen und aus Schaumlöschmitteln in Feuerlöschern. Doch auch wasser- und schmutzabweisende Outdoor-Bekleidung, Fast-Food-Verpackungen, Teppiche, Polstermöbel, wasserfeste Kosmetikprodukte und sogar Elektronikprodukte enthalten diese langlebigen Chemikalien. Entsprechend gelangen sie in relevante Abfallströme, insbesondere:
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Klärschlamm (typisch: 67–114 µg/kg, max. bis 750 µg/kg)
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Altpapier und Verpackungsmaterialien
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industrielle Reststoffe
Damit stellen sie auch für moderne Abfallverbrennungsanlagen eine relevante Stoffgruppe dar – sowohl hinsichtlich der sicheren Zerstörung als auch möglicher Emissionen.
Studienlage: Zwischen konservativen Annahmen und neuen Erkenntnissen
Die wissenschaftliche Bewertung des thermischen Abbaus von PFAS ist derzeit nicht abschließend geklärt.
Frühe Forschung: Fokus auf Extrembedingungen
Frühe Arbeiten (z. B. Tsang et al., 1998) konzentrierten sich stark auf die chemische Kinetik besonders stabiler Verbindungen wie CF₄ und leiteten daraus sehr hohe notwendige Verbrennungstemperaturen (>1.400 °C) ab.
Aktuelle Studien: Realitätsnahe Anlagenbedingungen
Neuere Untersuchungen zeichnen jedoch ein differenzierteres Bild:
KIT-Studie (Gehrmann et al., 2024)
- Drehrohrofen mit realistischen Brennstoffen
- Temperaturen: 860 °C und 1.095 °C bei 2 s Verweilzeit
- Ergebnis:
- Keine PFAS-Neubildung
- Kein signifikanter Einfluss der Temperatur im untersuchten Bereich
Urciuolo et al. (2025)
- Wirbelschicht mit PFAS-belastetem Klärschlamm
- Ergebnis:
- 99,99 % Abbau bei 850 °C und 2 s ausreichend
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die in Europa üblichen Betriebsbedingungen moderner Anlagen bereits eine sehr hohe Zerstörungsrate ermöglichen.
Rolle moderner Anlagen- und Rauchgasreinigungstechnik
Neben der Verbrennungsführung spielt die nachgeschaltete Abgasbehandlung eine zentrale Rolle. Moderne Rauchgasreinigungssyteme die den gesetzlichen Anforderungen genügen gewährleisten bereits jetzt, dass die Emissionen der vollständigen Verbrennung von PFAS (z.B. HF) effektiv abgeschieden werden.
Die Kombination aus:
- optimierter Verbrennung (Temperatur + Verweilzeit)
- geeigneter Brennstoffaufbereitung
- mehrstufiger Rauchgasreinigung
stellt den aktuellen Stand der Technik dar, um PFAS-haltige Abfälle sicher zu behandeln.
Regulatorische Situation: Uneinheitlich und im Wandel
Trotz neuer Studien bleibt die regulatorische Lage komplex:
- Keine EU-weiten Grenzwerte für PFAS in Abfallströmen oder Emissionen
- Nationale Empfehlungen variieren
- Österreich & UK: >1.000 °C bzw. >1.100 °C
- Deutsches Umweltbundesamt (2024) empfiehlt explizit die thermische Verwertung PFAS-belasteter Klärschlämme
Parallel dazu wird eine Anpassung der REACH-Regulierung (2026/2027) erwartet, mit dem Ziel:
- PFAS-Einsatz weiter zu beschränken
- Eintrag in Abfallströme langfristig zu reduzieren
Praktische Bewertung: Bedeutung der Analytik
Für eine fundierte Bewertung konkreter Abfallströme sind analytische Methoden entscheidend. In der Praxis werden u. a. empfohlen:
- AOF-/EOF-Analysen
- „Summe PFAS-20“-Parameter
- systematische Beprobung von Ersatzbrennstoffen (EBS) und Klärschlamm
Diese ermöglichen eine realistische Einschätzung der Belastung und bilden die Grundlage für eine optimierte Anlagenfahrweise.
Fazit
Die aktuelle Studienlage deutet darauf hin, dass PFAS unter typischen europäischen Betriebsbedingungen in Müllverbrennungsanlagen weitgehend zerstört werden können. Gleichzeitig besteht weiterhin regulatorische Unsicherheit, da einheitliche Grenzwerte und verbindliche Vorgaben fehlen.
Die Entwicklung bleibt dynamisch – sowohl wissenschaftlich als auch gesetzlich

Dipl.-Ing. Nora Fricko
Senior Process Engineer, CONENGA Group
Dipl.-Ing. Nora Fricko ist Senior Process Engineer bei der CONENGA Group und spezialisiert auf verfahrenstechnische Fragestellungen im Kontext von Energie- und Umwelttechnik. Ihr fachlicher Fokus liegt auf der Analyse, Optimierung und Weiterentwicklung komplexer Prozesse, insbesondere im Bereich thermischer Energiesysteme und ressourcenschonender Technologien.
Seit 2025 bringt sie ihre Expertise bei CONENGA in Engineering- und Optimierungsprojekten ein und arbeitet an praxisnahen Lösungen zur Effizienzsteigerung und nachhaltigen Nutzung von Energie- und Stoffströmen. Dabei kombiniert sie fundiertes theoretisches Wissen mit langjähriger Erfahrung in Lehre, Forschung und angewandter Technik.
Parallel zu ihrer beruflichen Laufbahn absolviert sie ein Doktoratsstudium im Bereich Verfahrenstechnik an der TU Wien mit Schwerpunkt Altlastensanierung. Zuvor spezialisierte sie sich im Rahmen ihres Masterstudiums auf Apparate- und Anlagenbau sowie chemische Technologie und Bioverfahrenstechnik.
Neben ihrer Tätigkeit in der Industrie war Nora Fricko viele Jahre als Lehrkraft tätig und vermittelte technisches Wissen in den Bereichen Wirtschaftsingenieurwesen, Elektronik und Informationstechnologie. Ergänzend dazu sammelte sie Forschungserfahrung als Projektassistentin an der TU Wien im Bereich Wassergüte, Ressourcenmanagement und Abfallwirtschaft.
Ihre interdisziplinäre Erfahrung aus Forschung, Lehre und Praxis ermöglicht es ihr, komplexe technische Zusammenhänge ganzheitlich zu betrachten und in innovative, umsetzbare Lösungen zu überführen.
Expertise
- Verfahrenstechnik und Prozessoptimierung
- Thermische Energiesysteme und Umwelttechnik
- Ressourcenmanagement und Abfallwirtschaft
- Apparate- und Anlagenbau
- Analyse und Optimierung komplexer Stoff- und Energieströme
- Technische Wissensvermittlung und interdisziplinäre Zusammenarbeit
Fokusbereiche bei CONENGA
- Verfahrenstechnische Analyse und Optimierung von Energieanlagen
- Entwicklung nachhaltiger Prozesslösungen
- Unterstützung von Engineering- und Innovationsprojekten
- Integration wissenschaftlicher Methoden in die Praxis
- Technische Bewertung und Weiterentwicklung bestehender Systeme

